Erste Einblicke in das Lipid-SnapShot-Projekt

 

Trotz klarer Leitlinien wird eine optimale LDL-Cholesterinsenkung häufig nicht erreicht. Die Lipid-SnapShot-Registerstudie liefert aktuelle Einblicke in die Lipidtherapie von Patient:innen mit kardiovaskulären Erkrankungen in Deutschland. Projektleiter Dr. Winfried Haerer spricht über erste Ergebnisse und gibt einen Ausblick.

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

27.11.2023

 

Bildquelle (Bild oben): Alexander Softog / Shutterstock.com

Die europäischen Leitlinien1 empfehlen für Patient:innen mit atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen oder sehr hohem Risiko, LDL-Cholesterinwerte (LDL-C) < 55 mg/dl zu erreichen und die Ausgangswerte um mindestens 50 % zu senken. Allerdings zeigen frühere Registerstudien und Umfragen wie das Monica-Projekt2,3 und die Euroaspire Surveys4,5, dass selbst ältere, höhere Zielwertempfehlungen oft unerreicht blieben. Wie ist die aktuelle Lage im deutschen Behandlungsalltag? Zeigen sich dabei Unterschiede zwischen hausärztlicher Versorgung und der Therapie durch niedergelassene Kardiolog:innen? Diesen Fragen geht das neue Lipid-SnapShot-Projekt nach und liefert erste Ergebnisse für 2023.

Lipid SnapShots sollen Versorgungsrealität abbilden

 

Dr. Winfried Haerer, Herzklinik Ulm, leitet zusammen mit Prof. Oliver Weingärtner, Uniklinikum Jena, das Lipid-SnapShot-Projekt und erklärt: „Wir möchten mit der Studie ein realistisches Bild der Patientenversorgung in Deutschland zeichnen. In der Regel besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen den Empfehlungen und der tatsächlichen Versorgung.“ Deshalb werden jährlich insgesamt drei Querschnittsuntersuchungen (SnapShots) von 2023 bis 2025 in kardiologischen Praxen vorgenommen, in denen der Lipidstatus und die cholesterinsenkende Therapie bei KHK-Patient:innen in der Sekundärprävention erfasst werden. Nach jedem Snapshot erfolgt ein Vergleich der Erhebungen bei den niedergelassenen Kardiolog:innen mit Bestandsdaten zur hausärztlichen Versorgung aus der IQVIA-Disease-Analyzer-Datenbank.


Das Lipid-SnapShot-Projekt wurde durch das DGK-Zentrum für Kardiologische Versorgung (DGK-ZfKVF) initiiert. An dem Forschungsvorhaben arbeiten das DGK-Zentrum für kardiologische Versorgungsforschung, die BNK Service GmbH und die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e.V. zusammen, unterstützt von Novartis.

Erste Ergebnisse der Lipid SnapShots und Ausblick

 

Für 2023 ist die Erhebung für das prospektive, multizentrische, nicht-interventionelle Register bereits abgeschlossen. Haerer erläutert: „In 49 kardiologischen Praxen bundesweit wurden über einen Zeitraum von 4 Wochen die Daten von 1.500 Patient:innen mit chronischem Koronarsyndrom dokumentiert: Lipidprofil, Begleiterkrankungen und medikamentöse Therapie.“ Im Herbst 2024 und im Jahr 2025 sind jeweils ein weiterer SnapShot mit 1.500 Patient:innen geplant, sodass insgesamt Daten von 4.500 Patient:innen erhoben werden.


„Erste Ergebnisse des ersten SnapShots konnten bereits ausgewertet werden“, sagt der Projektleiter. „So kann vorläufig festgehalten werden, dass die Versorgung im niedergelassenen kardiologischen Bereich hinsichtlich der untersuchten Parameter tendenziell besser war als im hausärztlichen Bereich.“ Weitere Aufschlüsse sind zur kommenden Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) zu erwarten. Haerer: „Interessant wird die Frage sein, inwieweit sich Patientenkollektive identifizieren lassen, welche die Versorgung beeinflussen – zum Beispiel nach Regionen, Geschlecht oder Begleiterkrankungen.“


Nach Ablauf der drei SnapShots wird abschließend analysiert, ob eine Zunahme der leitlinienkonformen Behandlung bei den Patient:innen zu verzeichnen ist und inwiefern Unterschiede bei der Behandlung durch Kardiolog:innen und Hausärzt:innen bestehen. Haerer zeigt sich zuversichtlich, dass die Studienergebnisse dazu beitragen können, die Umsetzung der Leitlinien zu verbessern und Optimierungsmöglichkeiten bei der Versorgung kardiologischer Patient:innen aufzuzeigen.

Zur Person

Dr. Winfried Haerer

Dr. Winfried Haerer ist Leiter der Herzklinik Ulm und auch in der Praxis als niedergelassener Kardiologe tätig. Er ist Regional Stellvertretender Vorsitzender beim Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK) für Baden-Württemberg und war von 2004 bis 2022 Geschäftsführer der BNK Service GmbH.

 

Referenzen

 

  1. Mach F et al. 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J. 2020 Jan 1;41(1):111-188. doi: 10.1093/eurheartj/ehz455. Erratum in: Eur Heart J. 2020 Nov 21;41(44):4255. PMID: 31504418.
  2. Tunstall-Pedoe H et al. Contribution of trends in survival and coronary-event rates to changes in coronary heart disease mortality: 10-year results from 37 WHO MONICA project populations. Monitoring trends and determinants in cardiovascular disease. Lancet. 1999 May 8;353(9164):1547-57. doi: 10.1016/s0140-6736(99)04021-0. PMID: 10334252.
  3. Luepker RV; WHO MONICA project: What have we learned and where to go frome here? Public Health Reviews 2013;33:373-396.
  4. Kotseva K et al. EUROASPIRE IV: A European Society of Cardiology survey on the lifestyle, risk factor and therapeutic management of coronary patients from 24 European countries. Eur J Prev Cardiol. 2016 Apr;23(6):636-48. doi: 10.1177/2047487315569401. Epub 2015 Feb 16. PMID: 25687109.
  5. Kotseva K et al. Poor attainment of blood pressure, lipids and diabetes targets in people at high cardiovascular risk in Europe: a report from the ESC-EORP EUROASPIRE V Survey in 16 European countries, European Heart Journal, Volume 41, Issue Supplement 2, November 2020, ehaa946.2821, https://doi.org/10.1093/ehjci/ehaa946.2821

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