Diätglück mit Glyx-Diät und Co? Ernährungsstrategien in der Kardiologie

 

Wie wirkt sich die Ernährung auf die Herzgesundheit aus? Helfen Diäten wie die Glyx-Diät und wie können Kardiologinnen und Kardiologen eine gesundheitsfördernde Ernährung fördern? Ein Gespräch mit dem Ernährungswissenschaftler Prof. Stefan Lorkowski von der Universität Jena.

 

Bildquelle (Bild oben): Craevschii Family / Shutterstock.com

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

27.09.2023

HERZMEDIZIN: Zunächst ein kurzer Überblick: Über welche Wege beeinflusst die Ernährung die kardiovaskuläre Gesundheit?


Lorkowski: Da möchte ich zuerst auf den Risikofaktor eingehen, für den eine Ernährungsumstellung am weitesten akzeptiert ist: ein zu hohes Körpergewicht. Übergewicht geht mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einher, vor allem weil das kardiometabolische Risiko durch einen Diabetes mellitus Typ 2 mit steigendem Körpergewicht zunimmt.


Ein weiterer Aspekt, der gerne unterschätzt und vergessen wird, ist eine angemessene Nährstoffversorgung. Studiendaten deuten darauf hin, dass bereits ein subklinischer Mangel an essenziellen Nährstoffen das kardiovaskuläre Risiko erhöhen kann. Ob gegebenenfalls eine Supplementierung hilft, ist eine andere Frage. Nach aktueller Datenlage würde ich sagen: „Dort wo ein Mangel herrscht, sollte dieser behoben werden.“ Typische Beispiele sind Folsäure und Vitamin D. Es gilt jedoch Maß zu halten. So deuten beispielsweise einige Studiendaten darauf hin, dass eine zu hohe Calciumzufuhr durch Supplementierung das kardiovaskuläre Risiko erhöht. Das Ziel sollte daher immer eine ausgewogene Ernährungsweise sein.


Wenn sie auch keine essenziellen Nährstoffe sind, so haben Ballaststoffe einen klaren gesundheitlichen Nutzen. Daten aus Beobachtungsstudien zeigen, dass ein erhöhter Verzehr von Ballaststoffen und auch von Vollkornprodukten nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt, sondern auch für Diabetes mellitus Typ 2, Kolonkarzinom und Gesamtmortalität. Außerdem unterstützen Ballaststoffe und Vollkornprodukte aufgrund ihrer sättigenden Wirkung eine Normalisierung des Körpergewichts.

Zur Person

Prof. Stefan Lorkowski

Prof. Stefan Lorkowski ist Lehrstuhlinhaber für Biochemie und Physiologie der Ernährung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten beschäftigt er sich u. a. mit Fettstoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

Bildquelle: Betty Hebecker

Einfluss der Ernährung bei LDL-C, Triglyceriden und Hypertonie

 

HERZMEDIZIN: Was sind weitere, durch die Ernährung beeinflussbare kardiovaskuläre Risikofaktoren?


Lorkowski: Anders als immer wieder behauptet wird, ist das LDL-Cholesterin (LDL-C) ein Faktor, der durch die Ernährung gut modulierbar ist. Das Frühstücksei ist nicht mehr rehabilitiert, wie aktuelle Studien zeigen. Das Nahrungscholesterin erhöht nicht nur das LDL-C, sondern ist in vielen Studien auch mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse assoziiert. Auch langkettige, gesättigte Fette, wie Palmitinsäure, die beispielsweise in tierischen Fetten, Palm- und Kokosfetten enthalten sind, können das LDL-C erhöhen. Je nachdem wie sich die Betroffenen bisher ernährt haben, lassen sich durch eine Ernährungsumstellung Senkungen des LDL-C von deutlich mehr als zehn Prozent erzielen.


Wie bei der Hypercholesterinämie kann auch bei der Hypertriglyceridämie eine Anpassung der Ernährung helfen. Hier liegt in der Regel der Fokus auf der reduzierten Zufuhr schnell verfügbarer Kohlenhydrate und verarbeiteter Stärke. Eine gesunde Nierenfunktion vorausgesetzt können bei Hypertonie eine höhere Kaliumzufuhr und eine verringerte Natriumversorgung förderlich sein.


Grundsätzlich gilt jedoch: Es können nur die Effekte durch eine Ernährungsumstellung korrigiert werden, die durch eine fehlerhafte Ernährung mitverursacht werden! Je größer dabei die ernährungsbedingte Schieflage ist, desto mehr bringt die Umstellung auf eine ausgewogene Ernährung. Bei den Patient:innen mit erhöhten Risikofaktoren erzielen wir daher mit der Anpassung auf eine ausgewogene Ernährung auch den größten Effekt und können auch fokussiert einzelne Risikofaktoren adressieren.

Glykämischer Index, Glyx-Diät und andere Diätformen

 

HERZMEDIZIN: Welche Rolle spielen glykämischer Index und glykämische Last für die Herzgesundheit?


Lorkowski: Wenn wir über Herz-Kreislauf-Patient:innen sprechen, sind Typ-2-Diabetiker:innen eine große Risikogruppe, die meist mit dem Körpergewicht und auch mit einem metabolischen Syndrom zu kämpfen haben. Der glykämische Index und die glykämische Last sind Instrumente, um den Patient:innen zu zeigen, auf welche Kohlenhydratquellen sie zurückgreifen sollten – nämlich solche mit niedrigem glykämischen Index beziehungsweise niedriger glykämischer Last: „Kohlenhydrate darf ich essen, wenn sie aus ballaststoffreichen Lebensmitteln stammen und möglichst wenig verarbeitet sind, wie bei Gemüse, Obst und Vollkornprodukten.“ Denn in dieser Form wirken die Kohlenhydrate im Körper anders als zugesetzter Zucker oder raffinierte Stärke, wie sie zum Beispiel in Weißmehlprodukten vorkommt. Und aufgrund des besseren Sättigungseffekts von ballaststoffreichen Lebensmitteln wird meist auch eine Gewichtsnormalisierung unterstützt.


Die Basis der Ernährungstherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist also eine ausgewogene Ernährung (Vollkost). Das kann eine vollwertige Ernährungsweise nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sein oder auch eine mediterrane Kost oder eine vegetarische, wenn sie regelmäßig mit tierischen Lebensmitteln angemessen ergänzt wird.


HERZMEDIZIN: Im Juni publizierte Cochrane einen Review zu Diäten mit niedrigem glykämischen Index und niedriger glykämischer Last, wie die Glyx-Diät. Das Ergebnis war ernüchternd …


Lorkowski: Es stellte sich heraus, dass Diäten mit niedrigem glykämischen Index und niedriger glykämischer Last wahrscheinlich nur zu geringen oder keinen Gewichtsunterschieden im Vergleich zu anderen Diätformen führen.1 Viele Expert:innen, wie auch ich selbst, hatten sich größere Effekte erhofft.


Eine Limitation war die geringe Stichprobengröße der betrachteten Studien, was die Evidenzqualität beeinträchtigt. Dazu kommen kurze Beobachtungszeiträume und als wiederkehrendes Problem in der Ernährungsforschung die Heterogenität der Studien, was zu großen Konfidenzintervallen führt. Im Gegensatz zur Medikamentenforschung sind randomisierte, doppelblinde Studien in der Ernährungsforschung kaum durchführbar.


Aber unabhängig von den grundsätzlichen Schwächen der Ernährungsstudien reiht sich diese Analyse gut in die Erkenntnisse der letzten Jahre ein. Es gibt zwar durchaus Unterschiede, wie die Studienteilnehmenden mit ihrem Körpergewicht und den kardiovaskulären Risikofaktoren bei verschiedenen Diäten reagieren, aber am Ende lautet die kurze Botschaft: „Ich nehme nur das ab, was ich bei der Energiezufuhr einspare.“

„Heute haben wir jeden Tag Sonntag“

 

HERZMEDIZIN: Ob Glyx-Diät, Low Carb oder Low Fat ist also zweitrangig – Hauptsache die Kalorienzufuhr wird verringert?


Lorkowski: Wissenschaftlich ist es aber wichtig, weiter zu erforschen, welche Vor- und Nachteile beispielsweise eine proteinreiche Ernährung oder eine Low-Carb-Diät bringt. Insbesondere bei Herzpatient:innen ist ja auf das Risikoprofil zu achten und eine ausgewogene Ernährung und eine Verbesserung der Risikofaktoren zu gewährleisten. Extrem-Diäten können problematisch sein, beispielsweise bei einer Very-Low-Carb-Diät wegen fehlender Ballaststoffe aus Vollkornprodukten oder bei einer Low-Fat-Diät eventuell wegen einer geringen Zufuhr von fettlöslichen Vitaminen und essenziellen Fettsäuren.


Ein zentrales Anliegen bei Übergewicht oder Adipositas bleibt aber die Gewichtsreduktion und dafür gibt es kein Allheilmittel, egal ob Low-Carb oder ein niedriger glykämischer Index. Verglichen mit früheren Generationen haben wir heute jeden Tag Sonntag. Daher gilt: „Weniger ist mehr“. Der passende Weg ist für jede Patientin und jeden Patienten individuell zu finden. Cheat Days oder Intervallfasten können dabei hilfreiche individuelle Ansätze sein.


Trotz der ernüchternden Ergebnisse des Cochrane-Review sollten Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index und niedriger glykämischer Last bevorzugt werden. Da sie insgesamt gesundheitliche Vorteile bieten, wie einen höherer Ballaststoffanteil und höhere Gehalte an Mikronährstoffen.


HERZMEDIZIN: Die WHO spricht von einer „Adipositas-Epidemie“ in Europa, auch bereits bei Kindern. Sie sind selbst in der Ernährungsbildung zur Verbesserung der Verpflegung in Schulen und Kitas tätig: Haben wir bei der gesunden Ernährung vor allem ein Wissens- oder ein Umsetzungsproblem?


Lorkowski: Das ist ein komplexes Thema, das ganze Bücher füllen kann. Es handelt sich sowohl um ein Informations- als auch um ein Umsetzungsproblem. Trotz der Vielfalt an verfügbaren Informationen über gesunde Ernährung gibt es in der Bevölkerung große Unterschiede im Wissensstand. Veraltete Vorstellungen wie „Ohne Fleisch wird man nicht satt“ halten sich hartnäckig.


Regulatorische Maßnahmen wie Zuckersteuer, Nutri-Score und Werbeverbote werden oftmals als Bevormundung abgelehnt und haben als Einzelmaßnahmen auch nur eine begrenzte Effektivität. Wir brauchen daher eine Gesamtstrategie, die über möglichst viele Stellschrauben umgesetzt wird. Die Kombination mehrerer Maßnahmen inklusive verhältnispräventiver Ansätze bringt es! Erfolgreiche Beispiele, wie ein sektorenübergreifendes Gesundheitsprogramm in der finnischen Stadt Seinäjoki,2 zeigen das Potenzial ganzheitlicher Ansätze. Ansonsten steuern wir auf ein – nicht mehr bezahlbares – Riesenproblem zu aufgrund der gesundheitlichen Folgekosten.

Die Rolle von Kardiolog:innen bei der Ernährungsberatung

 

HERZMEDIZIN: Was können Kardiologinnen und Kardiologen tun, um ihren Patient:innen bei einer gesundheitsfördernden Ernährung zu unterstützen?


Lorkowski: Im Praxisalltag bleiben oft nur wenige Minuten pro Patient:in. Da ist nicht genügend Zeit für eine umfassende Ernährungsberatung. Das ist auch nicht die Aufgabe als Kardiologin oder Kardiologe. Die Aufgabe sollte sein, den Patient:innen klar zu machen: „Es bringt etwas! Eine ausgewogene Ernährung bringt mehr Lebensqualität und ein längeres, gesünderes Leben.“


Außerdem ist es wichtig, die Patient:innen darüber aufzuklären, wo sie Informationen erhalten. In vielen Fällen haben sie ein Anrecht auf eine professionelle Ernährungsberatung oder -therapie. Kardiolog:innen können eine Notwendigkeitsbescheinigung ausstellen, welche die Patient:innen aber zusammen mit einem Kostenvoranschlag für die Ernährungsberatung bei der Krankenkasse für die Bezuschussung oder für den Kostenersatz vor Beginn der Maßnahme einreichen müssen.


Ein weiterer Punkt ist eine systemische Frage. Meiner Meinung nach gehört die Ernährungsmedizin ins Curriculum von Medizinstudium und Facharztausbildung, damit das Vermitteln von Lebensstilinterventionen besser funktioniert.


HERZMEDIZIN: Abschließend ein Blick in die Zukunft: Kommt die personalisierte Ernährungsberatung, zum Beispiel auf Basis eines genetischen Profils?


Lorkowski: In Einzelfällen, wie bei der Gendefekt-bedingten familiären Chylomikronämie, kann basierend auf der entsprechenden Diagnostik eine individualisierte und an die familiären Chylomikronämie angepasste extrem fettarme Diät, notwendig sein. Aber aktuell sind Polymorphismus-, Mikrobiom- und Epigenom-basierte Ernährungsempfehlungen wissenschaftlich nicht belegbar3 und das sehe ich auch in der näheren Zukunft nicht, abgesehen vielleicht von ganz wenigen Ausnahmen. Die größten Effekte erzielen wir jetzt und zukünftig mit einer allgemeinen Verbesserung hin zu einer ausgewogenen Ernährung, sei es mediterran oder nach DGE-Empfehlungen4.


Hintergrund-Infos

Glykämischer Index und glykämische Last

Der glykämische Index (GI) ist ein Maß für den Anstieg des Blutzuckerspiegels nach dem Verzehr von 50 g verwertbaren Kohlenhydraten eines bestimmten Lebensmittels. Der Anstieg der Blutzuckerkonzentration nach Aufnahme von 50 g Glucose dient als Referenzwert und ist auf 100 festgelegt. Der GI ist eingeteilt in niedrig (< 55), mittel (55–70) und hoch (70–100).


Lebensmittel mit hohem GI bewirken pro Gramm Kohlenhydrat einen schnelleren und stärkeren Anstieg der Blutglucose als solche mit niedrigem GI. Für eine vollständigere Aussagekraft, die auch die Menge der Kohlenhydrate pro Portion berücksichtigt, wird die glykämische Last (GL) herangezogen. Diese berechnet sich wie folgt: GL = (GI × Menge verzehrte verwertbare Kohlenhydrate) / 100. Die GL dient als Indikator der glykämischen Antwort auf eine Lebensmittelportion und den daraus resultierenden Insulinbedarf.


GI und GL sind keine stoffspezifischen Konstanten, sondern werden auch durch Faktoren, wie Zubereitung, Reifegrad eines Lebensmittels und Anwesenheit von Fett und Protein in einer Mahlzeit, beeinflusst.

Glyx-Diät

Die Glyx-Diät klassifiziert Kohlenhydrate in "gut" und "schlecht" und verwendet Farbkodierungen in Glyx- und Fett-Tabellen zur Auswahl der Lebensmittel. Ein niedriger glykämischer Index (GI) ist grün markiert, ein mittlerer gelb und ein hoher rot. Das Ziel ist es, hauptsächlich Lebensmittel mit jeweils grüner oder zumindest gelber Markierung zu wählen. Rot markierte Lebensmittel sollten mit einem grün markierten kombiniert werden, um GI und Fettgehalt der Mahlzeit insgesamt niedrig zu halten.


Die Glyx-Diät startet mit Suppentagen. Anschließend folgen die "Fettburner-Glyx-Wochen". Die Ernährung fokussiert dauerhaft auf Lebensmittel mit niedrigem GI. Der Schwerpunkt liegt auf dem regelmäßigen Verzehr von Fleisch, Fisch und hochwertigen Fetten, während auf zuckerhaltige Produkte weitestgehend verzichtet wird. Abendmahlzeiten sind proteinreich, was die nächtliche Fettverbrennung fördern soll. Die Glyx-Diät sieht täglich drei Mahlzeiten vor.


Referenzen

  1. Chekima K et al. Low glycaemic index or low glycaemic load diets for people with overweight or obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, Issue 6. Art. No.: CD005105. DOI: 10.1002/14651858.CD005105.pub3
  2. Koivusilta, L., Alanne, S., Kamila, M. et al. A qualitative study on multisector activities to prevent childhood obesity in the municipality of Seinäjoki, Finland. BMC Public Health 22, 1298 (2022). https://doi.org/10.1186/s12889-022-13658-z
  3. Holzapfel C et al. Genetics and Epigenetics in Personalized Nutrition: Evidence, Expectations, and Experiences. Mol Nutr Food Res. 2022 Sep;66(17):e2200077. doi: 10.1002/mnfr.202200077. Epub 2022 Jul 10. PMID: 35770348
  4. 10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zur Patientenunterstützung

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