Ein Tag in der Reha-Klinik: Lernen, mit der Herzkrankheit umzugehen

Besuch in einer Reha-Klinik für Menschen mit Herzerkrankungen. Unsere Reporterin erwartet Menschen, die in Betten liegen. Pflegende, die auf Monitoren die Werte checken. Und landet stattdessen in einem Haus voller Bewegung.

Von Kerstin Kropac

 

12.05.2023


Bildquelle (Bild oben): iStock / Hispanolistic

Wer hier eincheckt, hat eine schwere Zeit hinter sich: einen Herzinfarkt, eine Operation am Herzen oder einen längeren Krankenhausaufenthalt. Die kardiologische Reha soll den Betroffenen die Rückkehr in ihr normales Leben erleichtern. Dabei hilft ihnen ein Team aus Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Pflegekräften.

Am Morgen herrscht Bewegung im Treppenhaus der Reha-Abteilung der Segeberger Kliniken. Ab 7 Uhr findet im Schwesternzimmer die tägliche Blutabnahme statt, zum Beispiel für Patientinnen und Patienten mit Diabetes. Um 8 Uhr beginnt das Temperaturmessen – ein Überbleibsel aus der Corona-Zeit. Mittlerweile ist es 9 Uhr, und viele sind auf dem Weg vom Frühstück zur Wundsprechstunde oder zu ihren Therapien. Es gibt zwar einen Aufzug, aber der wird offenbar selten genutzt. Juliane Birk-Wendland, die pflegerische Bereichsleitung der Station, lacht. „Das haben die Therapeutinnen und Therapeuten verordnet.“ Auch sie nimmt selbstverständlich die Treppe. Dabei muss sie hoch in die fünfte Etage zu einem neuen Patienten, der sich bis 9 Uhr nicht – wie vorgeschrieben – beim Pflegeteam gemeldet hat. Juliane Birk-Wendland will schauen, ob alles in Ordnung ist.

Tanztherapie in der fünften Etage

Der Patient, ein Mann um die 60, liegt auf dem Bett und liest. Ihm geht‘s gut. Er hat nur vergessen, eine Rückmeldung zu geben. Als Juliane Birk-Wendland sich von ihm verabschiedet, tönt ihr auf dem Flur laute Musik entgegen. Am Ende des Gangs, hinter einer geöffneten Tür, tanzt eine junge Frau mit blonder Wallemähne. Die Patientin ist schätzungsweise Ende 30. Eine Frau mit kurzgeschnittenem grauem Haar lehnt im modischen Sport-Dress neben ihr an der Heizung. Auf der anderen Seite: Zwei ältere Damen im bequemen Schlabberlook, die etwas unschlüssig im Raum stehen. In der Mitte: die Tanztherapeutin. Sie hantiert erst an der Musikbox, richtet sich dann auf und strahlt in die Runde. „Wir haben für unsere Tanztherapie übrigens den schönsten Raum der ganzen Klinik“, sagt sie mit einer ausladenden Handbewegung. Wie auf Befehl schauen alle durch die breite Fensterfront nach draußen, wo der Segeberger See in der Sonne glitzert. Und schon startet ein neues Lied. Die Therapie geht weiter …

Das Gebäude der Segeberger Kliniken. Herzmedizin.de besuchte die Abteilung für kardiologische Reha der Segeberger Kliniken. Bildquelle: SoulPicture

Trainingseinheiten als wichtige Bausteine der kardiologischen Reha

Juliane Birk-Wendland deutet auf eine kleine Menschengruppe in Trainingskleidung, die sich unten auf dem Parkplatz gerade in Richtung See bewegt. „Die machen jetzt Terrain-Training“, erklärt sie. „Auf unserer 75-Watt-Treppe.“ Die zweifache Mutter lacht. Eigentlich ist das die normale Treppe, die vom weitläufigen Klinikgelände ans Seeufer führt. Doch die Therapeuten nutzen sie als Trainingseinheit: Einmal alle Stufen nach unten und wieder hinauf. „Die Wattstärke sagt etwas über das Trainingslevel aus – je höher, desto anstrengender. 75 Watt schaffen nur unsere fittesten Patientinnen und Patienten“, sagt die 48-Jährige. „Wir haben auch Trainingseinheiten mit 25 Watt. Es gibt für jeden das passende Programm.“ Sport und Bewegung sind wichtige Bausteine in der Therapie von Herzpatienten. „Viele haben Angst, sich nach ihrem Herzinfarkt oder ihrer Operation zu belasten. Hier in der Klinik sollen sie nicht nur lernen, wie wichtig Sport ist. Sie sollen vor allem wieder Vertrauen in ihren Körper gewinnen.“

Psychische Probleme nach dem Herzereignis werden ungern zugegeben

Viele Patientinnen und Patienten sind nach ihrem Herzereignis schwer verunsichert. Etwa 20 bis 30 Prozent der Herzkranken entwickeln Ängste oder Depressionen. „Wir fragen die Stimmungslage zwar standardmäßig auf dem Aufnahmebogen ab, um jedem die für ihn passende Therapie anbieten zu können“, sagt die pflegerische Bereichsleiterin. „Aber häufig fällt es den Betroffenen schwer, eine andauernde Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Angst oder andere psychische Probleme zuzugeben.“ Dabei macht ein Vertuschen gar keinen Sinn, denn meist zeigen sich die Probleme ohnehin im Verlauf der Therapie. „Wenn die Patientinnen oder Patienten zum Beispiel immer wieder zu uns an den Empfang kommen und über Luftnot oder andere Beschwerden klagen, werden wir hellhörig. Oft ist das ein Warnsignal, dass sie mit ihrem Herzereignis doch nicht so gut zurechtkommen, wie sie es vorgeben.“ Daraufhin schauen dann das Ärzte- und Therapeutenteam, wie sie diesen Menschen noch besser helfen können.

Juliane Birk-Wendland im Gespräch mit einer Kollegin Juliane Birk-Wendland (li.) im Gespräch mit einer Kollegin. Die pflegerische Bereichsleitung arbeitet seit neun Jahren in der kardiologischen Reha. Bildquelle: SoulPicture

Kardiologische Reha will helfen, den Lebensstil zu ändern

Vor dem Klinikeingang stehen ein Mann und eine Frau und rauchen. Der ältere Herr stößt seinen Zigarettenqualm beinahe mit dem Trotz eines Teenagers aus. Die Frau hält ihre Kippe etwas verschämt hinter dem Rücken. „Ich rauche schon fast mein ganzes Leben lang“, sagt sie entschuldigend und zuckt mit den Schultern. „Später findet der Kurs zur Rauchentwöhnung statt“, sagt Juliane Birk-Wendland. Sie weiß, dass nicht alle Rauchenden dieses Angebot nutzen werden. „Es ist nicht leicht, den Lebensstil zu verändern. Aber es ist wichtig, um einen Krankheitsrückfall zu verhindern“, sagt sie. Neben Sport-, Psycho- und Ergotherapie finden in der kardiologischen Reha deshalb auch Schulungen zu den Themen Ernährung und Gewichtsreduktion sowie zu den verschiedenen Krankheitsbildern statt. „Das Therapieangebot der Rehaklinik ist so groß, dass wir eine eigene Abteilung haben, die diese Pläne erstellt.“ Den tagesaktuellen Therapieplan bekommt dann jeder am Morgen in sein Postfach. Exakt 112 Briefkästen hängen im Flur zwischen der Aufenthaltshalle und dem Patientenbereich – eine Briefkasten-Wand, wie man sie aus Hochhäusern kennt.

In der kardiologischen Reha lernen, mit der Krankheit umzugehen

„Zu unseren Ausbildenden sage ich immer: Hier ist Pflege anders“, erklärt Juliane Birk-Wendland, während sie durch die Halle läuft und jeden grüßt, der ihr begegnet. „Wir gehen nicht von Zimmer zu Zimmer, um unsere Patientinnen und Patienten zu versorgen. Es ist keiner bettlägerig oder an Monitore angeschlossen. Wer hier ist, soll lernen, mit seiner Krankheit umzugehen.“ So soll zum Beispiel auch jeder selbst seinen Blutdruck messen. Dafür gibt es sogenannte Blutdruckmessstationen in den Gängen. Auch Medikamente werden nicht vom Pflegepersonal verteilt, sondern müssen eigenständig eingenommen werden. „Wir helfen aber immer, wenn es Probleme gibt. Wenn zum Beispiel Medikamente nicht vertragen werden oder eine andere Dosierung nötig ist.“ Trotzdem sind die Pflegekräfte in der Reha nicht nur Begleiter. „Wir haben es mit teilweise sehr kranken Menschen zu tun“, sagt Juliane Birk-Wendland. „Manchmal müssen wir auch reanimieren.“ Für solche Notfälle hängen überall auf den Gängen orangefarbene Reanimationsbretter. „Die muss man im Bett unterlegen, damit man eine Herzdruckmassage überhaupt sinnvoll durchführen kann, bis das herbeigerufene Notfallteam aus dem Akutbereich übernimmt“, erklärt die Pflegefachfrau.

Immer jüngere Menschen in der kardiologischen Reha

Seit neun Jahren arbeitet Juliane Birk-Wendland in der kardiologischen Reha. Gerade strömt eine Menschenmenge aus einem der Seminarräume. Das Thema war: „Leben mit Herzschrittmacher“. Ein junger Mann kommt ihr entgegen. „Ich habe das Gefühl, dass unsere Patientinnen und Patienten jünger werden“, sagt Juliane Birk-Wendland. Sie erzählt von zwei jungen Menschen, die erst kürzlich die Station verlassen haben. „Beide hatten schwere Herzmuskelentzündungen. Die Schädigungen sind so stark, dass sie ein neues Herz brauchen und nun auf eine Herztransplantation warten müssen.“ Ihr ist anzusehen, wie nah ihr solche Schicksale gehen. Ebenso die Geschichte einer jungen Mutter, die während der Entbindung einen Herzinfarkt erlitt. Und man merkt: Auch Reden gehört zu ihrem Job. Und Zuhören.

Weniger Herzinfarkte nach der kardiologischen Reha

Drei bis vier Wochen bleiben die meisten Patientinnen und Patienten in der Reha. „Manche kommen in den ersten Tagen zu uns und klagen über Heimweh“, sagt die Pflege-Bereichsleiterin. „Aber am Ende sind sie dann doch dankbar, die Reha gemacht zu haben.“ Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten, die nach ihrem Herzinfarkt eine Reha-Einrichtung besucht haben, 40 bis 50 Prozent seltener einen zweiten Herzinfarkt erleiden – denn sie kennen die Risikofaktoren genau und wissen, wie sie ihren Lebensstil verändern müssen, um ihr Herz zu schützen. „Wir haben hier mitunter 90-Jährige, die wirklich noch etwas erleben wollen in ihrem Leben“, sagt Juliane Birk-Wendland. „Und es ist ein gutes Gefühl, wenn man dazu beitragen kann, das zu ermöglichen.“ Damit verschwindet sie im Treppenhaus, wo kurz vor dem Mittagessen schon wieder fast so viel los ist wie am Morgen.

Wer hat Anspruch auf eine kardiologische Reha?

  • Chronisch Herzkranke,
  • Menschen mit Begleit- oder Risikoerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes,
  • Patientinnen und Patienten, die akut krank sind – zum Beispiel mit einer dekompensierten Herzschwäche, einem Herzinfarkt oder einer Lungenembolie,
  • Patientinnen und Patienten nach einem Eingriff am Herzen oder einer Herzoperation,
  • Berufstätige, denen durch eine kardiovaskuläre Erkrankung die Erwerbsunfähigkeit droht.

Wie beantragt man eine kardiologische Reha?

Eine Reha muss grundsätzlich ärztlich verordnet werden. Das kann der Krankenhausarzt oder -ärztin, aber auch der Hausarzt oder die Hausärztin anweisen. Die Kosten übernimmt – abhängig davon, ob die Antragstellerin oder der Antragsteller berufstätig ist – entweder die gesetzliche Krankenversicherung oder die Rentenversicherung. Der Sozialdienst im Krankenhaus, die Hausärztin beziehungsweise der Hausarzt oder die Fachärztin oder der Facharzt können bei der Beantragung helfen.

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