Erste Schritte nach der kardiologischen Reha

Wer am Herzen operiert wurde oder nach einem Herzinfarkt einen Stent implantiert bekommen hat, macht anschließend in der Regel eine kardiologische Reha. Doch wie läuft anschließend die Rückkehr in den Alltag? Und wie gelingt künftig ein herzgesünderes Leben?

Von Sven Stein

 

27.03.2023

 

Bildquelle (Bild oben): iStock /  ljubaphoto  

Welche Patientinnen und Patienten machen eine kardiologische Reha?

Eine kardiologische Rehabilitationsmaßnahme, kurz Reha, soll die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten mit einer Herzkrankheit verbessern. Die Betroffenen lernen zudem, was sie selbst tun können, um das Risiko von Folgeerkrankungen zu verringern. Laut Statistischem Bundesamt absolvierten im Jahr 2021 etwa 214.000 Menschen mit Herzkrankheiten eine stationäre Reha, also in einer Klinik. Hinzu kommen Erkrankte, die eine ambulante Rehabilitation mitgemacht haben, also während der Maßnahme zuhause wohnten.

 

Die häufigsten Gründe (Indikationen) für eine kardiologische Rehabilitationsmaßnahme sind Herzoperationen, vor allem Bypass- und Herzklappenoperationen. „Diesen Patientinnen und Patienten wird empfohlen, im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt eine Heilbehandlung oder eine Reha-Behandlung zu machen“, erklärt Prof. Thomas Klingenheben, Kardiologe in Bonn.

 

Auch Patientinnen und Patienten mit einem akuten Herzinfarkt, die einen Stent implantiert bekommen haben, wird die Reha empfohlen. Außerdem kann eine Reha für Menschen mit symptomatischer Herzschwäche sinnvoll sein. In seltenen Fällen machen auch Personen eine Reha, die keinen Herzinfarkt hatten, aber wegen einer Herzkranzgefäßerkrankung einen Stent erhalten haben.

Wie beginnt die Rückkehr ins Leben nach der Rehabilitation?

Wie eine Patientin oder ein Patient nach der Reha zurück in sein früheres Leben startet, entscheiden in der Regel die Reha-Ärztinnen und -Ärzte. Mehrere Faktoren sind dabei zu berücksichtigen: Wie schwer war der Eingriff? Wie gut wurde der Eingriff überstanden? Und was hat der Mensch vorher gemacht? Wer zum Beispiel in einem körperlich anstrengenden Beruf arbeitet, wird womöglich noch einige Zeit für nicht arbeitsfähig erklärt. Betroffene, die einem Job im Büro nachgehen, können womöglich direkt nach Reha wieder arbeiten. „Das Ziel ist aber, dass der Patient oder die Patientin zügig wieder beschwerdefrei das alltägliche Leben meistern kann“, sagt Prof. Klingenheben.

Wie oft ist nach der Reha ein Arztbesuch zur Kontrolle sinnvoll?

Patientinnen und Patienten mit einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation begeben sich in der Regel direkt im Anschluss an die Behandlung für drei Wochen in eine Reha. „Wenn alles unkompliziert verläuft, stellen sie sich acht bis zwölf nach der Reha wieder beim behandelnden Kardiologen oder der Kardiologin vor“, erklärt Prof. Klingenheben den weitern Verlauf. Die nächsten Kontrolltermine folgen nach sechs und nach zwölf Monaten. Abhängig von der Schwere der Erkrankung und dem Fortschritt der Genesung wird der Abstand von sechs Monaten beibehalten oder der Zeitraum zwischen den Kontrollterminen auf neun bis zwölf Monate erweitert.

 

Anders verläuft es bei Menschen mit einer schweren Herzschwäche: Sie stellen sich oft schon innerhalb der ersten vier Wochen nach Abschluss der Reha wieder bei ihrem Arzt oder der Ärztin vor. Anschließend kommen sie alle drei Monate zur Kontrolle.

Wie denkt man im Alltag an die verschriebenen Medikamente?

Schon während der Behandlung im Krankenhaus und in der Reha sollte die Patientin oder der Patient aufgeklärt werden, warum die Medikamente wichtig sind, die ihm verschrieben wurden – und was passiert, wenn er sie nicht einnimmt. Im Alltag ist es dann wichtig, eine Routine für die Einnahme zu entwickeln, indem die Medikamente zum Beispiel immer am gleichen Ort aufbewahrt werden.

 

Bei älteren Menschen kann eine sogenannte Dosierhilfe sehr hilfreich sein, in der sich Medikamente pro Wochentag für bestimmte Uhrzeiten ablegen lassen. Wer ein Smartphone benutzt, kann sich auch durch entsprechende Apps daran erinnern lassen, die Medikamente zu nehmen.

 

Ein besonderes Problem kann sich durch Schichtarbeit oder die Zeitverschiebung auf Reisen ergeben: Bei Mitteln, die einmal täglich genommen werden müssen, beispielsweise um tagsüber vor Bluthochdruck zu schützen, sollte die Einnahme dann im Vorfeld mit dem Arzt oder der Ärztin besprochen werden. „Bei Medikamenten, die ohnehin mehrfach am Tag eingenommen werden, ist eine Zeitverschiebung nicht so kritisch“, sagt Prof. Klingenheben.

Patient beim Kraftsport nach der kardiologischen Reha. Patientinnen und Patienten sollten nur etwa ein Drittel ihres Trainings mit Kraftsport zubringen. Bildquelle: iStock / PeopleImages

Was sollten Patientinnen und Patienten tun, wenn sie Nebenwirkungen fürchten?

Trotz der Aufklärung in Krankenhaus und Reha halten sich viele chronisch Kranke – und dazu gehören grundsätzlich alle Menschen mit einer Herzoperation – nicht an die Hinweise und Empfehlungen der Ärztinnen und Ärzte zu den Medikamenten. „Die Therapietreue ist bei bis zu 50 Prozent der Patientinnen und Patienten schlecht“, berichtet Prof. Klingenheben, „und sie wird immer schlechter, je mehr Tabletten verschrieben werden.“ Wer drei oder mehr Medikamente nehme, habe nach zwölf Monaten oft mindestens eines abgesetzt, ohne mit Ärztin oder Arzt Rücksprache zu halten. Häufig spielen dabei Nebenwirkungen oder vom Betroffenen vermutete Nebenwirkungen eine Rolle. Trotzdem sollten Patientinnen und Patienten niemals eigenmächtig ein verschriebenes Medikament weglassen, sondern zunächst immer Rücksprache mit dem Kardiologen oder der Kardiologin beziehungsweise dem Hausarzt oder der Hausärztin halten.

Wie lassen sich Angst und Depressionen nach einer Herzerkrankung überwinden?

Viele Patientinnen und Patienten leiden nach einer Herzerkrankung an Angst oder Depressionen. So entwickeln Menschen, die erstmals einen Herzinfarkt hatten, in den ersten sechs Monaten nach diesem einschneidenden Erlebnis dreimal häufiger eine Depression als Menschen im gleichen Alter ohne Herzinfarkt. Bei Herzkranken, die bereits vor der Herzkrankheit unter Depressionen litten, können diese sogar ein Auslöser für die Erkrankung sein. Depressionen bedeuten chronischen Stress für den Körper, was das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht.

 

In beiden Fällen ist meist eine professionelle Mitbehandlung von Ängsten und Depressionen unumgänglich. „Eine gute Reha-Einrichtung wird in der Regel schon frühzeitig erkennen, ob ein Patient oder eine Patientin Probleme bei der sogenannten Krankheitsverarbeitung hat“, erklärt Prof. Klingenheben. „Dann kann Betroffenen auch nach der Reha gezielt weitergeholfen werden, etwa durch eine Psychotherapie.“

Wie gelingen Stressbewältigung und Entspannung?

Stress ist ein anerkannter Risikofaktor und Mitauslöser von Herzkrankheiten. Für die Stressbewältigung sollte die Grundlage bereits in der Reha gelegt werden. Schon im Gespräch zur Krankengeschichte, der Anamnese, wird zum Beispiel ermittelt, aus welchem beruflichen Umfeld die Patientin oder der Patient kommt, ob er womöglich gemobbt wurde oder unter massivem Stress im privaten Umfeld litt. „Dann muss entschieden werden, ob der Mensch zum Beispiel ohne weiteres in sein berufliches Umfeld zurückkehren kann oder langsam eingegliedert werden muss“, erklärt Prof. Klingenheben.

 

Der Patient oder die Patientin müsse lernen zu benennen, was bei ihm oder ihr Stress auslöst und auch den Blick auf diese Situationen ändern. Wie bei den Ängsten und Depressionen können auch hier Konzepte aus der Psychotherapie helfen. Außerdem bieten die meisten Krankenkassen inzwischen Maßnahmen zur Stressbewältigung an beziehungsweise zahlen Zuschüsse für entsprechende Trainings.

 

Kardiologinnen und Kardiologen empfehlen nach der Reha zudem Ausdauersport wie zum Beispiel Jogging. Die Bewegung stärkt nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern setzt auch die Glückshormone Serotonin und Endorphine frei. „Das sind die natürlichen Gegenspieler der Stresshormone“, sagt Prof. Klingenheben. „Daher ist Ausdauersport sehr gut geeignet, Stressreaktionen abzubauen.“

Prof. Thomas Klingenheben Prof. Dr. med. Thomas Klingenheben, Kardiologe in Bonn. Bildquelle: Lars Bergengruen, Bonn

Wieviel Sport ist nach der kardiologischen Reha gesund?

Kardiologinnen und Kardiologen empfehlen generell Ausdauersportarten wie Walking oder Jogging, Radfahren oder Schwimmen. Ideal sind zwei Stunden pro Woche, verteilt auf jeweils 30 Minuten an vier Tagen. Wer zusätzlich auch Kraftsport treiben will, sollte sich an eine Faustregel halten: zwei Drittel der Zeit Ausdauersport, ein Drittel Krafttraining.

Wie können ambulante Herzsportgruppen helfen?

In ambulanten Herzsportgruppen kommen Patientinnen und Patienten mit chronischen Herz-Kreislauf-Krankheiten mindestens einmal pro Woche zusammen, um gemeinsam Sport zu machen und so ihre körperliche Belastbarkeit zu trainieren. Sie werden dabei von ausgebildeten Fachleuten angeleitet und immer von einem Arzt oder einer Ärztin betreut. Deutschlandweit gibt es mehr als 6000 Herzgruppen.

 

„Für viele Patientinnen und Patienten ist eine Herzsportgruppe sehr sinnvoll, weil es zusätzlich motiviert, wenn man in der Gruppe gemeinsam aktiv wird“, sagt Prof. Klingenheben. „Auch der gegenseitige Austausch mit anderen Betroffenen ist hilfreich und motiviert, das in der Reha gelernte auch weiterhin umzusetzen.“ Gerade für ältere Menschen, die allein leben, ist das soziale Moment durch die Gruppendynamik einer solchen Herzsportgruppe sehr hilfreich.

Wie gelingen gesunde Ernährung und Rauchverzicht dauerhaft?

In einer Ernährungsberatung oder einem Nichtraucher-Training während der Reha erhalten Herz-Patientinnen und -Patienten wichtige Informationen für einen gesünderen Lebensstil. Der kann das Risiko einer Folgeerkrankung deutlich senken. Doch gerade zu Beginn dieser Umstellung der Lebensgewohnheiten ist die Rückfallrate am höchsten. „Da ist Durchhaltevermögen gefragt“, weiß Prof. Klingenheben. „Je länger jedoch die Umstellung des Lebensstils dauert, desto besser wird das Körpergefühl. Das passiert nur leider nicht von heute auf morgen.“

 

Wer sich nach der Reha gesünder ernährt, also zum Beispiel auf mediterrane Gerichte umstellt, wird je nach Alter, Gewicht und den bisherigen Essgewohnheiten erst nach einigen Wochen einen Effekt bemerken, etwa durch einen Gewichtsverlust. „Daher ist es besonders wichtig, den Partner oder die Partnerin einzubinden und sich gemeinsam zum Durchhalten zu motivieren“, sagt Prof. Klingenheben. „Im Idealfall lebt der Partner oder die Partnerin den neuen Lebensstil des Erkrankten mit und unterstützt ihn dabei.“

 

Wer das Rauchen aufgibt, bemerkt hingegen vergleichsweise früh einige Verbesserungen. „Nach wenigen Wochen können viele besser atmen und Hustenanfälle werden womöglich weniger“, berichtet Prof. Klingenheben. „Der volle Effekt kann jedoch bis zu einem Jahr dauern, beispielsweise dass man leistungsfähiger und aktiver wird, weil die Lungen wieder besser arbeiten.“ Wer sich schwer tut mit dem Nichtrauchen, kann sich durch einen Nikotinersatz oder eine therapeutische Begleitung unterstützen lassen. Auch Sport kann helfen, von der Zigarette wegzukommen.

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