5 Minuten für … Stressabbau! Sprechstunden-Tipps zu Prävention

 

In der Session „Nur 5 Minuten Zeit in der Sprechstunde – Was ist das Wirksamste für die Prävention?“ gaben erfahrene Expert:innen auf den DGK-Herztagen 2023 praktische Tipps für Kurzinterventionen zu Bewegung, Nikotinstopp, Ernährung und Stressabbau. Wie Kardiologinnen und Kardiologen ihren Patient:innen beim Stressmanagement helfen können, erläuterte Prof. Ingrid Kindermann.1

Von:

Martin Nölke

HERZMEDIZIN-Redaktion

 

19.10.2023

 

Bildquelle (Bild oben): biggunsband / Shutterstock.com

Anhand verschiedener Studien zeigte Kindermann Zusammenhänge zwischen übermäßigem Stress und KHK, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt (INTERHEART-Studie) sowie vaskulären Entzündungen auf. So könne Stress zur Rekrutierung von Leukozyten sowohl in die gesunde als auch in die arteriosklerotische Gefäßwand führen und die Destabilisierung von Plaques fördern. Insgesamt seien die negativen Auswirkungen von Stress vergleichbar mit denen anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren:2

Ausgewählte KHK-Risikofaktoren Ausgewählte Risikofaktoren und Risikoschätzungen aus großen Studien oder Meta-Analysen.[2] Die Risikoschätzungen wurden unterschiedlich vorgenommen und reichen von zeitlich angepassten Hazard Ratios bis hin relativen Risiken zu einem bestimmten Zeitpunkt. ACM = Gesamtmortalität; BMI = Body-Mass-Index; CVD = kardiovaskulärer Tod; MI = Myokardinfarkt; KHK = Koronare Herzkrankheit, GHQ = General Health Questionnaire, HDL-C = High-Density-Lipoprotein-Cholesterin

Stressoren, Stressverstärker und Stressreaktion

 

Zur Entwicklung von „Coping“-Strategien verwies Kindermann auf die drei Ebenen des Stressgeschehens, die gleichzeitig Ansatzpunkte für die Stressbewältigung seien:

 

  • die Stressoren,
  • die persönlichen Stressverstärker
  • und die Stressreaktion.3

 

Stressoren sind externe, situative Faktoren, wie beispielsweise Leistungsanforderungen, Arbeitslast, soziale Konflikte oder Zeitdruck. Hier setzt das instrumentelle Stressmanagement an, z. B. Zeitplanung oder Priorisierung.

Unter persönliche Stressverstärker fallen beispielsweise Ungeduld, Perfektionismus, Kontrollstreben oder Einzelkämpfertum. Daraus ergibt sich eine individuelle Wahrnehmung und Interpretation: "Es ist von Person zu Person unterschiedlich, was wir als Stress empfinden und in welchem Ausmaß", sagte Kindermann. Beim mentalen Stressmanagement geht es deshalb z. B. um Einstellungsänderung, positive Selbstinstruktion, Relativieren und Distanzieren sowie Sinngebung.

Die Stressreaktion besteht aus körperlicher, emotionaler, mentaler und verhaltensbezogener Aktivierung. Ansatzpunkt ist hier das regenerative Stressmanagement, z. B. Entspannungstraining, Sport und Bewegung, Pflege von Hobbys sowie ausreichende Pausen.

Stress kurz- und langfristig managen

 

Als Kurzinterventionen zur Stressbewältigung empfahl die Referentin:

 

  • Distanz gewinnen: Vogelperspektive einnehmen
  • Spontane Erleichterung: tief durchatmen, mal ausstrecken, Kurzentspannung
  • Positive Selbstgespräche: sich ermutigen, beruhigen, Ruhe bewahren
  • Wahrnehmungslenkung: Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken, z. B. aus dem Fenster schauen; auf das Wesentliche konzentrieren
  • Abreagieren durch körperliche Aktivität („sich auspowern“), sich Aussprechen

 

Zur mittel- und langfristigen Intervention bei Stress gab Kindermann folgende Empfehlungen:

 

  • Entspannungstechniken erlernen, z. B. Yoga, Qigong, Tai Chi oder autogenes Training; viele Krankenkassen würden entsprechende Kurse bezahlen; außerdem verwies Kindermann auf eine Studie zur Effektivität von Yoga bei Vorhofflimmern4
  • Zufriedenheitserlebnisse: altes Hobby wieder beleben
  • Ausgleichstätigkeiten, Sport und Bewegung
  • Soziale Kontakte: Freundschaften, Kontakte pflegen, Hilfe suchen und annehmen
  • Zeitmanagement: Kalender führen, Pufferzeiten einrichten, Pausengestaltung („Ich habe jetzt einen Termin mit mir!“)
  • Einstellungsänderung: eigene Ansprüche überprüfen, hinterfragen, umdenken („Ich muss nicht perfekt sein!“)
  • Problemlösung: Lösungen sammeln, erreichbare Ziele setzen
  • Qualifikation/Fertigkeiten: Fortbildung, berufliche Interessen pflegen
  • Resilienz fördern, z. B. Optimismus trainieren

Stressmanagement in der kardialen Rehabilitation

 

Kindermann stellte zudem eine Studie vor, welche die Wirksamkeit eines integrierten Stressmanagement-Trainings bei der kardialen Rehabilitation untersucht hatte.5 Teilnehmende der Gruppe mit Training hatten ein signifikant niedrigeres Risiko für klinische Ereignisse als Teilnehmende der Gruppe ohne Training (Hazard Ratio 0,47; 95-%-Konfidenzintervall 0,24–0,91; p = 0,025; Beobachtungszeitraum – Median: 3,2 Jahre).

Diskussionsrunde zur Präventionsberatung - DGK Herztage 2023 V. l. n. r.: Prof. Stephan Gielen (Detmold), Dr. Annette Birkenhagen (Stollberg/Erzgebirge), Prof. Stephan H. Schirmer (Kaiserslautern), Prof. Stefan Lorkowski (Jena), Prof. Martin Halle (München) und Prof. Ingrid Kindermann (Homburg/Saar) sprachen auf den DGK-Herztagen 2023 über effiziente Präventionsberatung. Bildquelle: Martin Nölke / HKM

Als Kardiologin oder Kardiologe unterstützen

 

Der erste Schritt, um den Patient:innen zu helfen, sei nachzufragen: „Geht es Ihnen gut? Gibt es etwas, was Sie stresst?“ Auf Basis dessen könnten die Patient:innen in Abstimmung mit den Behandelnden anhand der vorgestellten Interventionsmöglichkeiten sich selbst verbindliche Ziele setzen, z. B. wöchentlich wieder einem Hobby nachzugehen, so die Referentin. Feste Termine und Routinen könnten hilfreich sein, sollten aber keinen Druck ausüben.

Abschließend gab die Referentin noch einen Genuss-Tipp gegen Stress: dunkle Schokolade. Bei 72 % Kakao-Anteil und maßvollem Genuss ließen sich positive Effekte hinsichtlich Stress-induzierter Fibrinbildung, Stresshormon-Ausschüttung und Entzündungsaktivität nachweisen.


Referenzen

 

  1. Kindermann I. Kurzintervention Stress-Abbau. Vortrag in der Sitzung: Nur 5 Minuten Zeit in der Sprechstunde – Was ist das Wirksamste für die Prävention? DGK Herztage 2023, 05.–07.10.2023, Bonn.
  2. Rozanski A. Behavioral cardiology: current advances and future directions. J Am Coll Cardiol. 2014 Jul 8;64(1):100-10. doi: 10.1016/j.jacc.2014.03.047. PMID: 24998134.
  3. Kaluza G. Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. Springer-Verlag 2018.
  4. Lakkireddy D et al. Effect of yoga on arrhythmia burden, anxiety, depression, and quality of life in paroxysmal atrial fibrillation: the YOGA My Heart Study. J Am Coll Cardiol. 2013 Mar 19;61(11):1177-82. doi: 10.1016/j.jacc.2012.11.060.
  5. Blumenthal JA et al. Enhancing Cardiac Rehabilitation With Stress Management Training: A Randomized, Clinical Efficacy Trial. Circulation. 2016 Apr 5;133(14):1341-50. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.115.018926.

Weiterführende Links

Zur Übersichtsseite "Berichterstattung DGK Herztage 2023"

Das könnte Sie auch interessieren

Verkehrslärm – ein unterschätzter Risikofaktor

DGK-Jahrestagung 2024 | Prof. Thomas Münzel über aktuelle Lärmwirkungsforschung zur Herzgesundheit und mit der Forderung nach besserem Lärmschutz.

Wie Wut das Herz-Kreislauf-System beeinflusst

Die PUME-Studie legt nahe, dass Wutgefühle das kardiovaskuläre Risiko erhöhen können, indem sie das Endothel schädigen. Dr. O. Hahad berichtet.

Verschreibungspraxis bei Statinen: Frauen unterversorgt?

Trotz höherer kardiovaskulärer Mortalität werden Frauen seltener und seltener intensiv mit Statinen behandelt. Prof. A. Bäßler kommentiert zwei aktuelle Studien.

Diese Seite teilen