Gerald Asamoah: Profikarriere trotz eines Herzfehlers

323 Bundesligaspiele, 50 Tore, 43 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft, Vizeweltmeister und WM-Dritter. Eine beeindruckende, fast 20-jährige Fußball-Karriere, die eigentlich gar nicht möglich gewesen wäre. Denn Gerald Asamoah ist herzkrank, sein Herzmuskel ist verdickt. Die Mediziner befürchteten, dass sein Herz unter Belastung versagen könnte, dass es zum plötzlichen Herztod kommen könnte. Entgegen aller Prognosen schaffte er es dennoch, seinen Lebenstraum zu erfüllen.

Von Kerstin Kropac

 

 

 

Bildquelle (Bild oben): IMAGO / RHR-Foto

Endlich 2. Bundesliga! Mit seinem Wechsel zu Hannover 96 schien für den damals 19-jährigen Gerald Asamoah plötzlich alles möglich. Bei seinem dritten Spiel im August 1998 stand er die kompletten 90 Minuten auf dem Platz. Die Kritiker lobten seine Schnelligkeit, seine Kampfkraft, sein Durchsetzungsvermögen. „Aber nach dem Spiel habe ich mich schlapp gefühlt. Ich hatte Schweißausbrüche“, erzählt Gerald Asamoah. „Ich dachte, es würde daran liegen, dass ich tagsüber zu wenig gegessen hatte.“ Tatsächlich ging es ihm nach dem Essen besser. Der Mannschaftsarzt wollte ihn trotzdem genauer untersuchen. „Und bei diesem Termin zeigten sich dann zum ersten Mal Auffälligkeiten im EKG“, sagt der ehemalige Profi-Fußballer.

Welchen angeborenen Herzfehler hat Gerald Asamoah?

Asamoah vereinbarte einen Termin bei einem Herz-Spezialisten der Medizinischen Hochschule Hannover, um herauszufinden, ob sein Herz tatsächlich krank war. Der Kardiologe entdeckte eine Herzmuskelverdickung. „Das war ein Schock“, sagt der ehemalige Fußballer. Die Diagnose lautete: eine hypertrophe nicht-obstruktive Kardiomyopathie, die häufigste durch einen Erbgutfehler ausgelöste Herzerkrankung. „Für mich ist nach dieser Diagnose eine Welt zusammengebrochen“, sagt Gerald Asamoah. „Dabei hatte ich doch nie etwas gespürt! Mir ging es von Kind an immer gut.“ Der junge Fußballer wollte eine Zweitmeinung. Eine Dritt- und eine Viertmeinung. Aber alle blieben dabei: Das Risiko, auf dem Platz zu sterben, sei viel zu hoch. „Doch dann erfuhr ich, dass es in den USA eine Klinik gab, die sich mit meiner Herzerkrankung auskannte“, erzählt der Ex-Fußballprofi. Dort rechnete man ihm – nach mehrtägigen Tests – sein Sterberisiko genau aus: Es lag bei unter einem Prozent. „Da habe ich gedacht: Ein gewisses Risiko habe ich auch im Straßenverkehr. Das nehme ich auf mich!“

Neben dem Spielfeld stand ein Defibrillator für Asamoah

Gerald Asamoah traf mit seinem Arzt in Deutschland eine Vereinbarung: Ab sofort wollte er auf eigenes Risiko spielen, um den Mediziner aus der Verantwortung zu entlassen. Und: Bei jedem Antritt musste künftig ein Defibrillator am Spielfeldrand stehen. Ein Gerät, das mit Stromstößen ein außer Kontrolle geratenes Herz wieder dazu bringt, normal zu schlagen. „Wenn ich morgens meine Tabletten genommen habe oder auf dem Platz an meinem Defi vorbeigelaufen bin, wurde ich natürlich jedes Mal an meine Erkrankung erinnert“, sagt Gerald Asamoah. „Aber sobald das Spiel losging, war der Kummer weg. Dann wollte ich nur noch gewinnen.“ Trotzdem war er gerade in der ersten Zeit auch oft unsicher. „Jedes Mal, wenn ich erschöpft war, habe ich mich gefragt: Ist das jetzt mein Herz? Oder ist das normal?“

Gerald Asamoah am Ball. Gerald Asamoah machte die meisten seiner 323 Bundesligaspiele für Schalke 04. Bildquelle: IMAGO / Team 2

Asamoahs Herzerkrankung belastet auch Familie und Mitspieler

Eine Herzerkrankung belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch das gesamte Umfeld. Trotzdem haben Gerald Asamoahs Eltern ihren damals 19-jährigen Sohn immer bestärkt und unterstützt. „Sie haben eher leise gelitten“, sagte Asamoah heute. „Einmal hatte ich mich nachts neben die Toilette gelegt, weil ich etwas mit dem Magen hatte“, erzählt der ehemalige Fußball-Star. „Als meine Mutter mich so fand, dachte sie zuerst, ich sei tot. Sie hat danach die ganze Nacht geweint. Da habe ich dann gemerkt, wie sehr sie die Situation belastet.“ Aber auch seine Mannschaftskameraden waren offenbar angespannt – ohne es direkt anzusprechen. „Einmal habe ich mich nach einem Spiel erschöpft auf den Rasen fallen lassen. Und als ich nach einer Weile die Augen wieder geöffnet habe, standen plötzlich alle Mitspieler um mich herum. Sie dachten, ich hätte etwas mit dem Herzen.“

Asamoahs Defibrillator rettete ein Leben

Viele Jahre begleitete der Defibrillator Gerald Asamoah durch seinen Alltag und zu jedem Training – dann passierte der erste Notfall. „Wir hatten ein Spiel und waren anschließend im Kraftraum“, erzählt der Fußballer. „Ich habe mich gerade gedehnt, als mein Trainer vor unseren Augen zusammenbrach.“ Der Mannschaftsarzt reagierte sofort, holte Asamoahs Defi und schaffte es, den Trainer wiederzubeleben. „So hat der Defi, der für mich bereitstand, einem anderen Menschen das Leben gerettet“, sagt Gerald Asamoah – und klingt dabei, als würde er innerlich noch immer den Kopf schütteln über diese besondere Fügung. „Wenn wir uns heute treffen, sagt mein Trainer immer: ‚Asa, ohne dich wäre ich heute nicht mehr am Leben.‘ Das bewegt mich. Dass mein Herzfehler einem anderen Menschen das Leben gerettet hat.“

„Heute muss jeder Verein einen Defibrillator besitzen. Diese Geräte müssen immer am Spielfeldrand stehen. Für den Notfall, der jederzeit eintreten kann. Wie bei der Europameisterschaft 2021, als der dänische Spieler Christian Eriksen plötzlich mitten im Spiel gegen Finnland zusammensackte. „Ich habe das gesehen und wusste sofort, was los war“, sagt Gerald Asamoah. „Mir kamen die Tränen und ich musste erst einmal auf die Terrasse gehen, um mich zu sammeln. Es tat mir weh, zu sehen, wie dieser Mensch einfach hilflos umfällt.“ In diesem Moment spürt er wieder deutlich, was für ein riesiges Glück er hatte. „Ich weiß, dass mir das auch jederzeit hätte passieren können. Und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich meine Fußballkarriere beenden dufte. Dass nicht mein Herz sie beendet hat.“

Seine Herzerkrankung hat Gerald Asamoah auch gestärkt

„Durch meine Erkrankung habe ich viel gelernt“, sagt der Fußballer heute. „Mit 19 war ich ganz oben. Ein Star. Und dann – von einem Moment auf den nächsten – war ich plötzlich nichts mehr. Mein Verein hatte sich damals sofort einen neuen Stürmer gesucht.“ Das war schmerzhaft. Aber es hat Gerald Asamoah gezeigt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Von einem Moment auf den anderen. Von ganz oben. Nach ganz unten. „Seitdem weiß ich, dass ich mein Leben genießen muss. Dadurch bin ich lebensfroher geworden“, sagt der gebürtige Ghanaer. „Außerdem habe ich mich durch diese Tiefschläge auch selbst besser kennengelernt. Ich weiß jetzt, wie ich in schwierigen Situationen reagiere. Das hat mich gestärkt.“ Seit er seine Fußballkarriere beendet hat, nimmt Gerald Asamoah keine Medikamente mehr. Und auch der Defi ist nicht mehr ständig dabei. „Ich habe ihn noch. Aber ich bin nachlässig geworden. Seit ich nicht mehr so intensiv Sport treibe, ist mein Risiko allerdings auch nicht mehr so hoch.“

Was macht Gerald Asamoah heute?

Heute arbeitet Gerald Asamoah als Leiter Lizenz beim FC Schalke 04. In dem Verein, in dem er zuletzt gespielt hat. Außerdem kümmert er sich um seine Gerald Asamoah Stiftung für herzkranke Kinder. „Es gibt viele Kinder, die in ihren Heimatländern sterben würden, weil es keine Möglichkeit gibt, sie dort zu operieren“, erzählt der dreifache Familienvater. „Mit Spenden holen wir sie nach Deutschland, damit sie hier behandelt werden können.“ An das erste Kind, dem er mit seiner Stiftung helfen konnte, erinnert er sich besonders gut. „Hanna wurde in Hannover operiert. Also in der Klinik, in der damals mein Herzfehler festgestellt worden war.“ Das sechsjährige Mädchen hat diese Klinik lachend verlassen. „Ich möchte herzkranken Kindern gerne ein Vorbild sein und zeigen, dass man trotz Herzfehler seine Träume verwirklichen kann“, sagt Gerald Asamoah. Und man fühlt, wie ernst er das meint.

Drei Fragen an Prof. Martin Halle zum plötzlichen Herztod

Prof. Martin Halle ist Ärztlicher Direktor und Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin an der Technischen Universität München. Für Herzmedizin.de beantwortet er Fragen zum plötzlichen Herztod bei Sportlern.

Wie häufig kommt es bei Sportlern zum plötzlichen Herztod?

Prof. Martin Halle: „Schätzungsweise entwickeln einer bis drei von 100.000 vermeintlich gesunden Sportlern eine solche lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung. Dabei sind Männer bis zu 10-mal häufiger betroffen als Frauen. Unter 35 Jahren sind meist Erkrankungen des Herzmuskels, der Herzklappen, der Hauptschlagader (Aorta) sowie der Herzkranzgefäße die Auslöser. Bei Sportlern ab 35 ist zu etwa 80 Prozent die koronare Herzkrankheit häufigste Ursache.“

Prof. Martin Halle Prof. Martin Halle, Ärztlicher Direktor und Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin an der Technischen Universität München. Bildquelle: Technische Universität München

Was genau passiert beim plötzlichen Herztod im Herz?

Prof. Halle: „Das Herz ist ein elektrisches Organ. Wo die Elektrik entlanggeht, zieht sich das Herz zusammen – so pumpt es Sauerstoff und Nährstoffe durch den Körper. Ist aber beispielsweise der Herzmuskel verändert, funktioniert die Elektrik nicht. Dann kommt es zu Rhythmusstörungen, die ein Kammerflimmern auslösen können. Der Strom fließt nicht mehr geregelt, die elektrischen Erregungskreise laufen völlig durcheinander. Das Herz kann nicht mehr pumpen und steht schließlich still.“

Wie kann man sich vor dem plötzlichen Herztod beim Sport schützen?

Prof. Halle: „Viele Veränderungen am Herzen zeigen sich erst am Ende der Pubertät. Deshalb würde ich Sportlern spätestens dann ein EKG und einen Herz-Ultraschall empfehlen. In Italien ist man diesbezüglich viel weiter: Da wird bei jedem Vereinssportler ein EKG durchgeführt – damit konnte man die Anzahl der plötzlichen Herztode bei Sportlern in einer Risikoregion mit erblichen Herzerkrankungen um 90 Prozent reduzieren. Wichtig: Nicht jeder Herzfehler bedeutet das Ende der Sportkarriere. Das hängt heute ganz vom individuellen Krankheitsbild ab.“

Dieser Text erschien im Oktober 2021 im Rahmen der gemeinsamen Kampagne „15 Minuten für dein Herz“ der Bauer Media Group und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in der Zeitschrift „TV Movie“ (Heft 21/2021). Copyright © Bauer Media Group 2021

 

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