Ist Semaglutid für Herzkranke geeignet?
Seit 2022 ist mit dem Wirkstoff Semaglutid ein Medikament in der EU zugelassen, das erstaunliche Abnehm-Erfolge erzielt. Übergewichtige Menschen, die einmal wöchentlich eine Spritze mit dem Wirkstoff bekommen, nehmen laut Studien bis zu 17 Prozent ihres Körpergewichts ab.
Ursprünglich wurde das Medikament gegen Typ-2-Diabetes entwickelt, da es den Blutzuckerspiegel senkt und die Insulinproduktion ankurbelt. Jedoch haben Studien auch gezeigt, dass es zusätzlich einen großen appetithemmenden Effekt hat. Das könnte auch ein Durchbruch für Herzpatienten und Herzpatientinnen sein.
„Übergewicht ist einer der größten Risikofaktoren für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deshalb ist Semaglutid auch für Herzkranke eine Chance, um Gewicht zu verlieren und dadurch Beschwerden beispielsweise bei einer Herzinsuffizienz zu mindern“, sagt Prof. Andreas Zeiher, Distinguished Professor of Cardiology am Institute of Cardiovascular Regeneration und Cardio Pulmonary Institute der Goethe Universität Frankfurt. „Die bisher vorliegenden Studien geben keine Hinweise darauf, dass Herzkranke von der Spritze nicht profitieren können oder zusätzliche unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, die Auswirkungen auf Herzerkrankungen haben könnten“, sagt der Experte.
Wie wirkt die Abnehm-Spritze?
Die Abnehm-Spritze mit dem Wirkstoff Semaglutid zählt zu den Glucagon-like Peptide-1-Agonisten, abgekürzt GLP-1 Agonisten. Das Medikament ahmt ein Hormon nach, das eigentlich im Darm produziert wird und eine wichtige Rolle für die Steuerung des Glukosestoffwechsels, also des Zuckerstoffwechsels, einnimmt. Es aktiviert die Absonderung von Insulin und hemmt die Ausschüttung des Hormons Glucagon, wodurch der Blutzuckerspiegel gesenkt wird. Gleichzeitig wirkt das Medikament auch im Gehirn auf den Hypothalamus. Das ist eine Hormondrüse, die für die Steuerung der Hormonausschüttung im ganzen Körper zuständig ist und in der auch das Zentrum für die Appetitregulation liegt. Der Wirkstoff sorgt dafür, dass das Gehirn ein Sättigungssignal aussendet und wirkt auch auf das Belohnungssystem, wodurch die Lust auf sehr fett- und kohlenhydratreiches Essen abnimmt. „Man hat keine Lust mehr, übermäßige Mengen zu essen. Gleichzeitig verzögert der Wirkstoff auch die Magenentleerung in den Darm, wodurch das Sättigungsgefühl verlängert wird“, erklärt Prof. Zeiher. Neben Semaglutid wird derzeit auch an anderen GLP1-Präperaten geforscht: „Diese sollen eine noch stärkere Abnahme ermöglichen, da ihnen ein weiteres Hormon zugesetzt ist, das glukoseabhängige insulinotrope Polypeptid (GIP)“, weiß Prof. Zeiher.
Kann Semaglutid das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern?
Prof. Andreas Zeiher erklärt: „Bisher konnten Studien vor allem durch die Abnahme des Gewichts einen positiven Effekt für Herzkranke nachweisen. Bisher gibt es jedoch noch keine veröffentlichte Studie, die an einer großen Patientenzahl den Nachweis erbringen konnte, dass Semaglutid sogenannte ‚harte‘ Endpunkte, also Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall, bei Patientinnen und Patienten mit Herzerkrankungen ohne gleichzeitig vorliegenden Diabetes reduzieren kann. Spannend ist allerdings, dass Semaglutid bestimmte Zytokine reguliert. In Studien konnte man beobachten, dass der Blutwert des C-reaktiven Proteins (CRP) gesunken ist. CRP ist ein Eiweiß, das als Reaktion auf Entzündungen im Körper gebildet wird.“ Diese Zytokine haben einen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Atherosklerose, also die Verengung von Arterien, und können laut Prof. Zeiher auch ein Auslöser für Herzinsuffizienz sein.
Gleichzeitig gibt es laut Novo Nordisk, dem Hersteller von Semaglutid, auch Hinweise darauf, dass der Wirkstoff besonders das sogenannte Viszeralfett angreift. Das ist umgangssprachlich als Bierbauch oder „schlechtes Fettgewebe“ bekannt und sammelt sich zwischen den Organen an. „Dieses Fettgewebe trägt zur Zytokin-Produktion bei und erhöht dadurch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sollte sich bestätigen, dass mit dem Wirkstoff genau dieses Fettgewebe abgebaut wird, wäre das ein weiterer Grund, um Semaglutid als Medikament für Herzkranke einzusetzen“, so Prof. Zeiher.
Erste Ergebnisse der sogenannten SELECT-Studie des Semaglutid-Herstellers Novo Nordisk legen nahe, dass das Medikament das Risiko für eine schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung bei übergewichtigen Menschen ohne Diabetes um bis zu 20 Prozent senken kann. Die Studie wurde noch nicht in einem medizinischen Journal veröffentlicht. Prof. Zeiher: „Die Studie wird erst im November 2023 ausführlich vorgestellt, jedoch deuten die ersten Ergebnisse daraufhin, dass das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt bei Studienteilnehmern und -teilnehmerinnen mit einem BMI über 27 signifikant verringert werden konnte.“
Eine Studie, die im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, zeigt außerdem, dass die Symptome von Patienten und Patientinnen mit Herzinsuffizienz (HFpEF-Typ) und einem BMI über 27 durch die Einnahme von Semaglutid deutlich zurückgingen.
Bei dieser Art der Herzinsuffizienz pumpt das Herz nicht mehr ausreichend Blut durch den Körper, obwohl die Pumpleistung eigentlich nicht eingeschränkt ist. Sie kann dazu führen, dass Organe einen Mangel an Sauerstoff sowie Nährstoffen erleiden und letztlich ihre Funktionen verlangsamen oder gar einstellen. Eine der häufigsten Ursachen für die Erkrankung ist die koronare Herzkrankheit, die unter anderem durch erhöhte Blutzucker-, Cholesterin- und Blutdruckwerte, Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen ausgelöst wird. Die häufigsten Symptome der Herzinsuffizienz sind Kurzatmigkeit und Atemnot, Schwindel, Wassereinlagerungen, Abgeschlagenheit und Müdigkeit.
Durch die Behandlung mit Semaglutid konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Studie ihr ursprüngliches Körpergewicht um durchschnittlich 13,3 Prozent verringern und die Beschwerden der Herzinsuffizienz im Vergleich zur Placebogruppe signifikant reduzieren. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen unter Semaglutid die Distanz steigerten, die sie innerhalb von sechs Minuten zurücklegen konnten. „Die Teilnehmer der Studie haben ihr allgemeines Wohlbefinden durch die Therapie höher eingestuft, da sich die Symptome der Herzerkrankung durch die Gewichtsabnahme verringert haben“, erklärt Prof. Zeiher. Er weist jedoch auch daraufhin, dass die Teilnehmerzahl dieser Studie mit rund 500 Patienten und Patientinnen relativ klein war und die Ergebnisse in weiteren Studien überprüft werden müssen.