Herzbericht: DGK fordert Maßnahmen für mehr Wiederbelebungen

Mehr als 100.000 Menschen pro Jahr erleiden einen Kreislaufstillstand, über 65.000 Menschen sterben am plötzlichen Herztod. Das geht aus dem neuen Herzbericht 2022 der Deutschen Herzstiftung hervor. Eine schnelle Wiederbelebung durch eine Herzdruckmassage würde die Überlebenschancen erheblich steigern, erklärt die DGK. Außerdem fordert sie mehr Investitionen in Vorsorge.

Von Sven Stein

 

21.09.2023


Bildquelle (Bild oben): iStock / sturti

Es ist ein dramatischer Wettlauf gegen die Uhr: In Deutschland könnten mehr Menschen einen plötzlichen Kreislaufstillstand überleben, wenn sie früher wiederbelebt würden. Mit jeder Minute, die bei einem Herzstillstand vergeht, bis mit einer Herzdruckmassage begonnen wird, sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Aber noch immer scheuen sich viele Menschen, im Notfall mit der lebenswichtigen Reanimation zu beginnen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) anlässlich der Veröffentlichung des Deutschen Herzberichts 2022 der Deutschen Herzstiftung hin. Laut dem jetzt veröffentlichten Bericht, der sich auf das Jahr 2021 bezieht, starben in dem Jahr über 65.000 Menschen in Deutschland an einem plötzlichen Herztod.

 

Die Quote der Wiederbelebungen durch eine Herzdruckmassage stieg in Deutschland zwar seit 2010 von 14 auf etwa 51 Prozent im Jahr 2022, aber verglichen mit anderen europäischen Ländern ist sie immer noch gering. Norwegen oder Tschechien liegen bei Quoten über 80 Prozent. „Um dies auch in Deutschland zu erreichen, können wir uns an den gut funktionierenden Maßnahmen in den anderen Ländern orientieren“, sagt Prof. Holger Thiele, Präsident der DGK. „Dazu zählen Reanimationsunterricht in Schulen einmal pro Jahr ab der 7. Klasse, verpflichtende Telefonreanimations-Anleitung für Rettungsstellen und die flächendeckende Einführung von App-basierten Ersthelfer-Systemen.“

 

Aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) heißt es dazu, dass „das Bewusstsein und die Bereitschaft in der Bevölkerung zur Durchführung von Laienreanimationsmaßnahmen“ auch weiterhin gestärkt werden müssen. Das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung (NAWIB), zu dessen Mitgliedern auch die DGK und das BMG gehören, fördere bundesweit Aktionen zum Thema Wiederbelebung mit dem Ziel, die Laienreanimationsquote in Deutschland zu erhöhen. Um das wichtige Thema zu unterstützen, führe „das NAWIB Ende Oktober einen interdisziplinären Austausch zusammen mit den Kultusbehörden der Länder durch. Das Treffen steht thematisch passend unter dem Zeichen der Implementierung der Wiederbelebung in den Schulunterricht“, erklärt das Ministerium gegenüber Herzmedizin.de.

 

Viele Betroffene mit Herzerkrankungen, die nicht bekannt waren

Von einem plötzlichen Herztod spricht man, wenn die Betroffenen innerhalb einer Stunde nach den ersten Symptomen versterben oder tot aufgefunden werden, obwohl sie noch 24 Stunden vorher lebend und ohne Beschwerden angetroffen wurden. Wie kann es sein, dass so viele vermeintlich gesunde Menschen an einem plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand sterben? „Bei genauerer Betrachtung der Fälle lässt sich feststellen, dass viele der Betroffenen bereits bestehende Herzerkrankungen haben“, erklärt Prof. Thiele. Die häufigsten Ursachen für Herz-Kreislauf-Stillstände sind langjährige Herzerkrankungen wie die koronare Herzkrankheit (KHK) und die Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpleistung des Herzens. Ausgelöst wird der sogenannte Sekundentod dann durch gefährliche Herzrhythmusstörungen, sogenanntes Kammerflimmern, als Folge der Herzkrankheit. Wäre die Herzkrankheit früher entdeckt und rechtzeitig behandelt worden, hätten viele der Verstorbenen gerettet werden können.

 

Mehr Investitionen in Vorsorge gefordert

Die späte Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Defizite in der Vorsorge haben dazu geführt, dass Deutschland bei der durchschnittlichen Lebenserwartung im europäischen Vergleich weit hinten steht. Das zeigte kürzlich eine Studie. Daher fordern die Herzstiftung, die DGK und die Fachgesellschaften für Herzchirurgie (DGTHG), für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) sowie für Prävention und kardiovaskuläre Rehabilitation (DGPR) mehr Investitionen in die Vorsorge. So müssten Lebensstiländerungen noch mehr mit gezielten Präventionsprogrammen in den Fokus genommen werden, erklärt Prof. Thomas Voigtländer, Vorsitzender der Herzstiftung. Neben dem Alter und der genetischen Veranlagung seien Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder Stress am Entstehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beteiligt.

 

Das Bundesgesundheitsministerium ist nach eigenen Angaben derzeit im Austausch mit Expertinnen und Experten der verschiedenen Fachgesellschaften und Verbände, wie sich die Krankheitslast und Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland senken ließe. „Ziel ist es, konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, wie die Früherkennung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und die Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessert und somit die Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt gesenkt werden können“, erklärt das Ministerium gegenüber Herzmedizin.de. „Für den Herbst 2023 ist die Vorlage von Eckpunkten geplant.“

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